Erstmal alles verarbeiten – Jakob Neumann nach der Deutschland Tour
Mit dem enormen Medieninteresse musste Jakob Neumann, der 19-jährige Rennradprofi aus den Reihen des RC Germania Weißenburg, erstmal klarkommen. Das Warmfahren auf der Rolle vor dem Wettkampf nutzen die Sportler gerne um sich nochmal mental vorzubereiten und sich zu sammeln. Gleich am ersten Tag der Deutschland Tour musste Neumann mit einer ungewohnten Doppelbelastung klarkommen. Als einer der jüngsten Fahrer in dem vierttägigen Wettkampf und als deutscher Nachwuchsfahrer war er ein gefragter Interviewpartner. So umringte ihn während des Warmups zum Prolog-Einzelzeitfahren das Team der ARD. Ein Bericht im „Mittagsmagazin“ des deutschen Fernsehens resultierte daraus. Ja, es ist die Deutschland Tour. Mehrere TV-Sender berichten täglich live.
„Das ist schon ein großartiges Gefühl. Ich stand als erster Starter auf der Startrampe zum Einzelzeitfahren. Über mir kreiste der Hubschrauber. Ich wusste, jetzt geht’s gleich los.“
Das Fahrerfeld der diesjährigen Austragung war enorm stark besetzt. Vieles drehte sich um den Mexikaner Isaac Del Toro. Er hatte auf der Tour de France den Dritten Platz erreicht und gilt als Senkrechtstarter im Radsport. Louis Barre aus Frankreich und der Schweizer Marc Hirschi sorgten ebenfalls für ein enorm schnelles Rennen auf Niveau der Weltelite. In dieser Reihenfolge sollte sich dann auch das Siegerpodest füllen.
„wie wäre es wohl gelaufen, wenn….“, man sollte sich diese Frage eigentlich nicht stellen, „…dieser entscheidende Sturz gleich zu Beginn nicht gewesen wäre“. Jakob Neumann hat sich diese Frage bestimmt oft während der Tour gestellt. „Ich hatte den ersten Startplatz und die Straße war noch nass, als ich startete.“ Jakob Neumann rutschte in einer Kurve aus. Auf einer nur 2,6 Kilometer kurzen Rennstrecke hat man keine Zeit mehr, solch ein Unglück wieder aufzuholen. Jakob verlor sehr viel wertvolle Zeit und belegte schließlich Platz 105 von 107 Startern. Ein denkbar ungünstigster Einstieg in den Wettkampf. Der Zeitverlust war jedoch nicht alles. Neumann zog sich die üblichen Prellungen und Hautabschürfungen zu, die ihm den Rest der Tour das Leben schwer machten. Vor allem die ersten zwei Nächte waren wegen der Schmerzen von Schlaflosigkeit geprägt.
Am Tag nach dem Sturz im Prolog folgte die erste Etappe. Mit 220 Kilometern das längste Rennen, das Jakob Neumann bislang bestritten hat, mit über 3000 Höhenmetern kein Kindergeburtstag. Neumann biss sich von Bad Orb bis Schwäbisch Hall durch, immer nagte der Sturz des Vortages am Körper. Das Ziel wollte und wollte nicht näherkommen. Aber alles hat ein Ende, Neumann blieb im Rennen.
Während der zweiten Etappe regnete es. Jakob Neumann fühlte sich schlecht, der Schlafmangel wegen den Verletzungen setzten ihm zu. Damit keine Langeweile aufkommt, setzte auch noch die Schaltung seiner Rennmaschine aus und er musste aufs Ersatzrad wechseln. Das bedeutet nicht nur erneuten Zeitverlust, sondern auch Rückenschmerzen, da das Ersatzrad irgendwie nicht so richtig zu passen schien. Aber auch diese 197 Kilometer waren abgehakt. Ziel erreicht.
Am letzten Tag fühlte Jakob Neumann sich langsam etwas besser und konnte die Deutschland Tour ein wenig genießen. „Derartige Zuschauermassen und Begeisterung am Streckenrand habe ich vorher noch nie erlebt, das war unglaublich und hat mich wirklich getragen“. Während der ganzen Deutschland Tour war die Strecke von Zuschauern gesäumt, die die Rennfahrer anfeuerten und aus der Etappe eine Party machten. Die finale Tagesetappe führte gleich zweimal über die Kalmit, eine berühmte und imposante Anhöhe im Pfälzer Wald. Die UCI World Teams machen das Rennen von Anfang an brutal schnell, das Team „Storck – MRW-Bau“ mit Jakob Neumann muss hart kämpfen. „Die Kalmit rauf waren die Zuschauer ein Wahnsinn, sie haben mich unheimlich gepusht“.
Der Teamkaptän von Storck – MRW-Bau, Edgar David Cadena Martinez, konnte in der Gesamtwertung gerade noch in die Top Ten eindringen, ein beachtlicher Erfolg. „Gerne hätte ich Cadena noch besser unterstützt, wie wäre es wohl gelaufen, wenn…“
Am Rande des Geschehens konnte Jakob Neumann noch den Senior des deutschen Radsports, John Degenkolb, treffen. Beide haben schon auf Kindesbeinen beim RC Germania das Rennradfahren gelernt und fuhren nun zum ersten mal im gleichen Wettkampf. Es wird also keine Lücke im Rennsport geben.
„Dies ganzen Eindrücke muss ich jetzt erstmal aufarbeiten und sacken lassen“ berichtet Neumann am Telefon. „Viel Zeit dazu habe ich allerdings nicht, nächste Woche werde ich bereits in England bei der Tour of Britain starten. Ich musste noch rechtzeitig meinen Reisepass erneuern lassen“. Das bedeutet abermals fünf Tage Hochspannung und maximale Anstrengung. Wir wünschen ihm diesmal einen vor allem sturzfreien Wettkampf und einen schnellen Heilungsprozess.
